Sonntag, August 31, 2014

Hinschauen?

[Von Bastian]
Wenn ich jemandem zeigen möchte, dass es Lichtquellen gibt – lasse ich ihn dann in die Sonne schauen? Nein, denn damit wäre nichts gewonnen. Zuviel Licht blendet, und ich sehe gar nichts mehr.

Genauso reagiere ich auf manche Bilder, die derzeit auf Facebook verbreitet werden. Bilder von Tötungen und bestialischen Folterungen. Sie blenden mich: da sehe ich nichts mehr. Da wird in mir keine Entschlossenheit wachgerufen, sondern nacktes Entsetzen und Angst.
Der erhobene Zeigefinger, den ich da sehr stark empfinde, nach dem Motto: wer das nicht weiß oder wissen will, verschließt die Augen vor den Tatsachen – dieser Zeigefinger wirkt auf mich wie die Meldung: ich komme selbst nicht damit klar.

Ich empfinde das Posten dieser Bilder als große Rücksichtslosigkeit. Bildern kann man sich nicht entziehen. Kollateralschäden inbegriffen: Wenn ich meinen Kindern etwas auf Facebook zeigen will, und beim Öffnen erscheint ein Mensch, der lebendig geröstet wird, ist ein Schaden entstanden, der schwer zu heilen ist.

Meine Hoffnung ist, dass Gott mir das gibt, was ich brauche, sobald ich es brauche. Auf Versuche, mir darüber hinaus „die Augen zu öffnen“, kann ich gern verzichten. Ich habe genug Quellen, aus denen ich weiß, was ab geht.

Auf Facebook werde ich künftig jedem, der Bilder oder Videos dieser Art postet, diesen Text schicken. Bei ausbleibender Reaktion wir er/sie sofort entfreundet.

Anteilnahme hat etwas mit der eigenen Kapazität zu tun, die nur ich selbst kenne und daher dosieren können muss - und Hinschauen heißt nicht gaffen.

Donnerstag, August 28, 2014

Ice Bucket Challenge – eine gute Sache im Sinne des Herrn?

[Von Bastian]
Facebook diskutiert intensiv über Ice Bucket Challenge.
Wasser habe nun einmal nicht jeder in ausreichender Menge. Lächerlich sei das Ganze. Peinlich dazu. Und die, die mitmachten seien oft gar keine Christen. Im Gegenzug wird auf die Spendenerfolge und auf das gesteigerte Wissen über ALS verwiesen: zweifellos gute Dinge.

Ich finde, die ganzen Diskussionen stehen auf sehr schwachen Beinen. Eine Unchristlichkeit vermag ich nicht zu erkennen. Die Argumente, die hier ausgetauscht werden, wären in jeder Comedy gut aufgehoben.

Wasserverschwendung (auf die Energieverschwendung zur vorherigen Wasserkühlung ist noch niemand gekommen)? Gerechnet auf den Liter dürfte das das bestbezahlte Wasser der Welt sein, wenn man von dem auf der ISS absieht. Keiner der Kritiker würde in einer finanziellen Notsituation darauf verzichten, einen Eimer Wasser umzuschmeißen, wenn er dafür Tausende bekäme. Und wenn er tatsächlich verzichten würde, wäre er reichlich dämlich. Solange es sich dabei nicht um die lebenswichtige Wasserration einer Karawane oder so handelt, ist da nichts einzuwenden. Für Handlungen rein aus Prinzip ist die EU zuständig, die dem sinnlosen Wasserverbrauch auf Klos einen Riegel vorzuschieben beginnt und die daher offenbar christlich ist.
ALS ist zu ernst für Späße? Vor lauter Mitgefühl soll die Forschung auf Geld verzichten. Lieber angemessen erst krank, als lustig einen Ausweg suchen. Das war schon immer christlich. Für manche zumindest.

Der Standpunkt legt nach: ist das nun Wasserverschwendung oder im Gegenteil gar christliche Hilfe? Das Helfen sei christlich, IceBC sei eine gute Sache. (LINK) Doch die im Artikel angeführte Christlichkeit halte ich für ebenso herbeigeredet.
Wasser sei ein wichtiges Symbol der christlichen Religion. Stimmt, doch das kratzt nur an der Oberfläche. Geht die Symbolik nicht viel tiefer? Handelt es sich beim Übergießen mit Wasser nicht um ein Symbol für die Taufe? Das wäre einmal auf Facebook zu stellen. Bald schon würde von mancher christlichen Seite mahnend die Stimme erhoben: vor den schlimmen Folgen einer solchen Verweltlichung des Taufsakraments muss gewarnt werden! Rom würde zum Handeln aufgefordert, weil unsere Bischöfe dazu schweigen.

Irgendwie macht es ja Freude, die ganzen Argumente zu lesen, aber es ist auch erschütternd. Sind wir Christen denn Hunde, die jedes Stöckchen holen, das geworfen wird? Es scheint so. Doch im Ernst: Nicht alles, was hilft und dazu Wasser braucht, ist deshalb christlich. Sonst müsste z.B. in Messen für die EU-Hilfe an spanische und griechische Landwirte gedankt werden. (Wäre vielleicht wirklich keine schlechte Idee, mal für all das zu danken, was wir haben. Das weitet das Herz den Blick. Vielleicht wird der nächste GAG dann weniger eng diskutiert.)

Mein Fazit: als PR-Aktion genial gelungen. Mitmachen werde ich nicht – ich mag kein kaltes Wasser, außer an heißen Tagen von innen.


P.S. Ich muss diesen Text ergänzen. Die Verwendung der Spendengelder für Forschungen, die unter anderem auch an embryonalen Stammzellen durchgeführt werden, steht im krassen Widerspruch zu einer christlichen Überzeugung.
Insofern bleiben meine Aussagen über die teils doch recht erheiternden Diskussionen bestehen. Allerdings würde ich selbst für diesen Zweck keinen Cent spenden und jedem dringend raten, es auch bleiben zu lassen.

Sonntag, August 17, 2014

Och nö, nicht schon wieder unwürdig sein!

7 Vorschläge für eine „würdige“ Messfeier werden präsentiert: Der amerikanische Blogger Pat Archbold macht sie (LINK). Dabei schlägt er, so denke ich, einen zweifelhaften Weg ein. Viel von dem, was da vorgeschlagen wird, stünde mir im Wege bzw. wäre für mich nett, aber oft auch überflüssig. Bin ich wieder einmal unwürdig?

Ich denke, Unterscheidung ist angesagt. Es gibt zwei Bereiche, die man nicht verwechseln darf.
Einmal ist es die Messe selbst, die die innigste Gemeinschaft Gottes mit Seiner Kirche und damit mit mir auf Erden darstellt. Sie ist Sein Wirken unter uns, das wir mitfeiern dürfen. Sie ist heilig. Wer sie ändert, vergreift sich am Heiligtum. Gott tut in dieser Feier alles, um zu uns zu kommen: wir sollten alles tun, um zu ihm zu kommen. Er ist unser Ziel in der Messe, nicht wir selbst. Wer daher beginnt, die Messe zu verändern, um sie irgendwie gefälliger zu machen, lenkt den Blick in die falsche Richtung, denn er ersetzt das Heilige durch das Menschliche und stellt sich so meinem Blick auf meinen Erlöser in den Weg.
Und dann ist da der große Bereich dessen, was ich tun kann, um diese Messe angemessen mitzufeiern. Auch hier gilt: nicht den Blick in die falsche Richtung lenken. Weder Sprache und Zelebrationsrichtung noch der Einsatz von Weihrauch, die Lieder oder die Kleidung der Mitfeiernden machen die Messe mehr zu Messe, das Opfer heiliger oder die Eucharistie eucharistischer. Als Ausdruck der Liebe zu Christus in der Messe mag das alles en wunderbares Mittel sein – als Voraussetzung für eine angemessene Messfeier ist es ungeeignet.

Das ist auch dann so, wenn ich ihm mit dem Begriff „Würde“ eine hohe Bedeutung gebe, denn wie sollte ich eine Messe angemessen mitfeiern, wenn ich es unwürdig mache?
All diese Vorschläge zum Thema Würdigkeit führen zu einem mit Bedacht vorgenommenen, formvollendeten Ritus. Doch wer sagt eigentlich, dass „würdig“ gleichzusetzen ist mit formvollendet, bedächtig und getragen? Die Sache kann ins Gegenteil umschlagen: in Formalismus. Denn dann wird vergessen, dass es letztlich Christus ist, der die Messe würdig macht, weil er sie überhaupt erst zur Messe macht. Die Würde der Messe ist Christus.

Wenn ich aus Ehrfurcht vor Christus und Seinem Opfer für mich in der Messe einen Anzug trage, ist das eine sehr gute Sache. Wenn ich den Anzug von anderen fordere, habe ich etwas nicht kapiert. Wenn ich ein großes Hochamt voll Farben, Gesten, Musik und Weihrauch genieße, weil es ein (sicher immer noch klägliches) Abbild der Herrlichkeit ist, die Gott darstellt, ist es lobenswert. Wenn ich als Ästhet andere Messen gering schätze, suche ich das Falsche.
Glaube lässt sich nicht andressieren. Wie Benedikt XVI sagte: letztlich kommt es auf die Freundschaft mit Christus an. Freundschaft ist Liebe in Freiheit. Genauso, wie man eine Freundschaft verliert, wenn man über die ganze Freiheit den Freund vergisst, kann man sie unter einem Haufen Anforderungen ersticken.

Zwei Dinge sollten in der Messe sicher gestellt sein: dass die Messe „richtig“ gefeiert wird und dass jeder ihr angemessen folgen kann.
Für das erste ist der Priester zuständig: er soll all das tun, was rot geschrieben ist, und all das sagen, was schwarz geschrieben ist. Dann ist es, soweit ich weiß, korrekt.
Für das zweite bin ich zuständig: mein Benehmen und mein Äußeres sollen angemessen sein und niemanden ablenken oder peinlich berühren. Ich sollte ruhig sein, um niemanden zu stören. Kurz: ich sollte mich bemühen, die Messe mit zu tragen, und nicht zu behindern. Aber das war es dann auch.

Ich liebe in der Messe die Versammlung um den Altar und den Blick auf das Geschehen darauf, das in meiner Sprache gesprochene Hochgebet und viele Lieder, darunter etliche neue, und brauche nicht jedes Mal Weihrauch. Das ist in Ordnung und hindert mein Glaubensleben in keiner Weise: es sind meine Eigenheiten, die für niemanden verbindlich sind und für die ich niemandem Rechenschaft schulde, außer Gott.

Bin ich jetzt unwürdig? Ja, das bin ich, und ich weiß es. Ich bin wegen meiner Sünden unwürdig vor Gott. Das ist mein Kummer und meine Freude über meine Rettung zugleich. Unwürdigkeit in den Augen derer, die anderen erklären wollen, was wirklich würdig ist, ist hingegen unwichtig. Sie tut allerdings weh, denn sie reist unnötige Gräben auf und verletzt.

Die 7 Vorschläge sind daher für mich grenzwertig. Sie beschreiben eine schön gefeierte Messe, keine Frage, doch die Intention scheint darüber hinaus zu gehen. Doch auch sie beschreiben keine bessere Messe, machen Gott nicht göttlicher und daher auch Menschen nicht würdiger, denn Gott ist die Würde des Menschen.

Samstag, August 09, 2014

Ich bin ein Tollpatsch – was für eine Art Trottel bist Du? Hier geht’s zum Test.

Dafür geben Firmen Unsummen aus: zu wissen, was man uns wie verkaufen kann. Denn Daten sind Geld, und meine Daten sind mein Geld. Wer mich kennt, weiß, wie er mich ansprechen muss. Und wer das weiß, kommt leichter an mein Geld und an meine Stimme. Soweit die Theorie.
Leider stimmt die in diesem Fall mit der Praxis überein: Ich bin zwar oft dumm, aber so dumm, zu glauben, ich sei nicht manipulierbar, bin ich denn doch nicht. Die Gefahr besteht. (Viele Menschen glauben zwar, sie seien gegen Werbung und andere Manipulation immun, doch das ist schon der erste Irrtum, dem sie aufgesessen sind und ein Erfolg der Werbung.)

Im Internet bieten sich den Werbenden ganz neue Möglichkeiten: man kann einzelne Personen gezielt ansprechen. Das geht über die Auswahl der Produkte hinaus: der eine will forsch angesprochen sein, der andere eher zurückhaltend. Der eine liebt den gesellschaftlichen Kontext, der andere ist Einzelgänger. Sehnt man sich nach Erfolg, Geld oder Ruhe? Legt man mehr Gewicht auf Gesundheit oder auf den Kitzel des Risikos? Bitte, lieber Internetuser, gib uns deine Daten, und zwar so, dass wir sie gleich nach unseren elektronischen Schablonen auswerten können. Am besten, du füllst uns gleich ein paar Fragebögen aus, die deinen Typ auswertbar beschreiben.
Wie kann die Werbebranche herausfinden, wie ich ticke, und zugleich ganz harmlos daher kommen? Der derzeitige Trick ist einfach. Man postet die Typenfragen, die man gerne beantwortet haben möchte, und hängt als Bonbon eine kleine Auswertung dran: was für ein Unwetter bist Du, was für eine Person aus der Geschichte, was für ein Hund, welche Farbe oder wer aus Downton Abbey. Dazu verraten wir dir noch deinen vermeintlichen IQ, dein geistiges Alter und deine Lebenserwartung. Und weil wir uns mit der IP nie ganz sicher sind, wer da gerade am Rechner sitzt, kannst du deine Ergebnisse auf Facebook posten. Jetzt wirst Du Werbung bekommen, die zu dir passt und die du daher gar nicht als aufdringlich empfinden wirst.

Blöd, wie ich bin, habe ich selbst ein paar dieser Tests mitgemacht, bis mir auffiel, dass die eigentlich gar nicht lustig sind, außer natürlich für die Auswerter. Wer da mittut, braucht sich über Datenklau bei Google nicht mehr aufzuregen, denn er liefert die Daten freiwillig: ein nettes kleine Persönlichkeitsprofil samt Facebokkidentität und damit faktisch samt Namen und Adresse.

Hier also mein selbst geschriebenes(!) Trottel-Testergebnis:
„Du bist im Umgang mit Deiner Person zu sorglos. Dass du trotzdem nur ein mittelschwerer Trottel bist, liegt daran, dass du noch eine gewisse Lernfähigkeit beweist. Du bist wie jemand, der aus Versehen Dinge umwirft, um sie hinterher etwas unbeholfen wieder gerade zu rücken: ein Tollpatsch.“

Auf Facebook habe ich begonnen, so ziemlich jeder Werbung mit „passt nicht zu mir“ zurück zu weisen. Seitdem bekomme ich in erster Linie Einladungen zu Seniorentreffs – damit kann ich leben. Und die wiederholte Google-Suche nach Urlaubsorten und der Natur in Norwegen beschert mir immer wieder schöne Landschaftsaufnahmen, wo mir früher Freude am Fahren nahe gelegt wurde. Eindeutig eine Verbesserung. Und zugleich der Beweis, dass man genau weiß, wer ich bin…

Freitag, Juli 11, 2014

Zur Stärkung

[Von Bastian]
Wie stärkt man Sportler? Indem man ihnen gutes, gehaltvolles Essen gibt und sie trainiert. Gerade gut zu sehen in der WM. Ein Interview, in dem die Spieler feststellen, dass sie lieber selbständig wären, um wortwörtlich ihr eigenes Süppchen zu kochen und aus ihrem Freundeskreis einen Trainer zu wählen, habe ich keines gesehen. Klar, die wollen ja auch gewinnen und haben das prima geschafft.

Wie stärkt man Bistümer? Ganz genauso. Sie brauchen eine gehaltvolle geistige Nahrung und einen guten Bischof. Denn sie sollen (und wollen hoffentlich!) für Christus und mit Christus siegen. Eine Ortskirche ist stark, wenn sie das gehaltvolle Evangelium gut aufnimmt und verbreitet.
In Köln aber loben viele nicht den neuen Bischof, sondern beklagen, dass sie ihn nicht aussuchen durften. Eine Stärkung der Ortskirche sehe anders aus.

Das ist eigene Süppchen ein Zeichen von Stärke? Da haben einige wohl den Fehler gemacht, das Wort „Stärken“ nicht im elementaren und ursprünglichen Sinn zu verstehen, sondern im politischen. Klar, wenn ich z.B. die Gewerkschaften stärke, haben sie mehr zu sagen.
Mir will scheinen, manche Domkapitel verstehen sich als eine Art Gewerkschaft in der Kirche, die der Führungsetage in Rom Kompetenzen abtrotzen will. Eine Gewerkschaft, die stark dastehen will, indem sie mitredet. Und so lamentieren sie über das Procedere, aufgrund dessen sie den neuen Bischof bekamen und sehen darin einen Widerspruch zum Papst, der sie doch stärken wollte.
Das Problem ist, liebe Leute: darum geht es nicht. Dieses Problem liegt nicht in Rom, sondern in Euren Köpfen.

Freitag, Juli 04, 2014

Mindestlohn

[Von Bastian]
Lange nichts geschrieben, und dann was Politisches… Es ist aber in keiner Weise parteipolitisch gemeint.

Auf Facebook laufen wieder einmal Threads zum Thema Wirtschaft. Aktueller Anlass: der Mindestlohn. Die Angst vor Überregulierung steigt, ebenso die Angst vor steigender Arbeitslosigkeit im Vorschriftendickicht, der Ruf nach mehr Markt wird laut. Die Angst vor Überregulierung teile ich vehement. Dennoch muss ich feststellen, dass ich auch mit dem anderen Auge Misstände wahrnehme.

Wirtschaftlich gesehen ist ein Mindestlohn ein vorgeschriebener Mindesteinkaufspreis für den Rohstoff Arbeit. Deutschland und Europa beziehen daher sozusagen seit Jahren Mindestlohn und lassen sich den Markt eben nicht selbst regulieren: Bananen von den Kanaren sind nur verkäuflich, weil billigere Auslandsprodukte künstlich verteuert werden. Das gleiche gilt für tausende andere Produkte. Niemand hier käme auf die Idee, dem Markt da freie Bahn zu lassen, denn jeder weiß: tun wir das, droht bei uns Armut. Die Löhne sind oft schon schlecht genug, aber von dem, was dann noch gezahlt werden könnte, kann niemand wirklich leben. Also werden Mindestpreise und Mindeststandards festgelegt: Regulierung, die die Preise bei uns künstlich hoch hält. Sie funktioniert, weil sie wirklich greift. Es gibt keine Ausnahmen für Bananen, die von Praktikanten verpackt wurden, oder für solche, deren Bauern im Schnitt über 50 sind. Es ist kalkulierbar, und niemand muss Angst haben, dass die Konkurrenz einen Preiskampf losbricht, der unter der Mindestmarke liegt. Es gäbe bei uns längst keine Landwirte mehr, sondern nur noch industrielle Megaproduzenten mit gigantischen Monokulturen, ließe man in der Landwirtschaft dem Markt einfach freien Lauf. Niemand will das, und daher regeln wir uns kalkulierbar und stabil.

Und das ist auch sinnvoll: Marktselbstregulierung läuft, solange sie drei Grenzen einhält. Einmal die Grenze nach oben: Niemand darf so mächtig werden, dass er die Gesetze von Angebot und Nachfrage aushebeln kann, indem er andere unter das Existenzminimum drückt. Denn dann werden Angebot und Nachfrage durch Macht und Existenzangst ersetzt – keine Frage, dass das nicht auf Dauer stabil ist. Hier ist im Zweifelsfall Regelung erforderlich. Als letzter Mechanismus greift das Kartellamt.
Die Grenze nach außen: Eine Volkswirtschaft  darf sich nicht selbst die Grundlage entziehen. Wer im eigenen Land die Kosten drückt, um im Ausland konkurrenzfähig zu sein, bekommt auf Dauer reiche Firmen und arme Bürger. Ein hohes BSP, bei dem das Geld an den Menschen vorbei zirkuliert, mit einem hohen Bedarf an Sozialgesetzen, um alle teilhaben zu lassen. Da die eigene Bevölkerung nicht viel kaufen kann, muss das Geld weiterhin im Ausland verdient werden. So verstärkt sich das Problem. Eine Situation, die bei uns durchaus in Anfängen sichtbar ist. Internationale Verträge greifen hier regelnd ein.
Dann gibt es noch die Grenze nach unten: Für den einzelnen ist es ein Wettbewerbsvorteil, Rohstoffe unterhalb ihres Produktionspreises einzukaufen, doch für das System ist es schlecht: der Lieferant ist allein nicht mehr lebensfähig, da er Verluste macht. Entweder wird an dieser Stelle regelnd eingeschritten, oder es wird subventioniert. Eine Selbstregelung aber, die Subventionsbedarf hervorbringt, führt sich selbst ad absurdum. Das gilt auch für den Rohstoff Arbeit: solange sie zusätzlich subventioniert werden muss, stimmt gerade die Selbstregelung nicht mehr. Die Subvention setzt stattdessen einen Kreislauf in Gang, der für jedes System auf Dauer tödlich ist: den Preiskampf in Bereiche hinein, die nicht lebensfähig sind. Wer die geringsten Löhne zahlt, also die meisten Subventionen kassiert, hat die Nase vorn. Die Gesellschaft wird so mit immer höheren Ausgaben konfrontiert  und geht langsam in die Knie – derzeit live zu beobachten. Viele Unternehmen würden die Löhne sofort herauf setzen, wenn sie nur könnten. Sie können nicht, denn dann sind sie weg vom Fenster.

Und die Arbeitsplätze? Gehen da nicht Tausende, wenn nicht Millionen, verloren, wenn man die Löhne vorschreibt? Dazu ist erst einmal zu sagen, dass eine Wirtschaft, in der hunderttausende Arbeitskräfte subventioniert werden müssen, ein Problem hat. Sie muss sich dringend überlegen, wie sie von den daraus resultierenden Kosten wegkommt und wie sie diese vielen Menschen wieder zu Konsumenten macht, die auch Nachfrage produzieren. Und sie muss sich klar machen, dass die daraus resultierende Flut an Einzelregeln und Sozialgesetzen die Unternehmen vielleicht viel mehr behindert, als ein etwas höherer Einkaufspreis des Rohstoffs Arbeit.
Nüchtern betrachtet ist es doch so: niemand stellt zum Spaß Leute ein. Niemand wird für unnötige Arbeit bezahlt. Auch im Niedriglohnbereich nicht. Wenn die Putzkolonne, die nachts durch die Firma zieht, plötzlich den Mindestlohn bekommt, fallen da keine Arbeitsplätze weg, denn die Arbeit wird schlicht gebraucht. Das allerdings nur bei einer wichtigen Voraussetzung: es darf keine Konkurrenz mehr geben, die billiger ist. Sollte es da einen Mitbewerber geben, der nur Praktikanten und Langzeitarbeitslose beschäftigt und aufgrund von Ausnahmen den alten Preis bietet, ist die alte Kolonne weg vom Fenster. Ein Mindestlohn funktioniert nur, wenn er wie jeder andere Mindesteinkaufspreis auch ist: er gilt grundsätzlich. Denn nur dann wird er nicht zum Nachteil. Es könnte natürlich sein, dass diese Mehrkosten das Produkt der Firma etwas verteuern, doch dafür fallen die ganzen Subventionskosten für die Gesellschaft weg.
Vielleicht sollte man nicht nur auf die „Mehrkosten“ eines flächendeckenden und ausnahmslosen Mindestlohns schauen, sondern auch auf das, was er alles überflüssig machen würde.


Montag, Juni 02, 2014

Laie versus Weltchrist

(Peter Esser) Auf einem Katholikentagsforum zum Thema »Das Konzil und die Laien« schlug Bischof Voderholzer vor, den Begriff des »Laien« aufgrund seiner schwierigen Begriffsgeschichte durch den Begriff »Weltchrist« zu ersetzen. Eine weniger gute Idee, wie ich finde.

Im Begriff des »Laien« schwingt immer die Bedeutung »Angehöriger des Gottesvolkes« mit. Diese Dimension der Communio fehlt dem »Weltchristen« völlig.

Der Begriffsbestandteil »Welt« einen unklaren Bezugspunkt. Bin ich Christ VON der Welt oder doch FÜR die Welt? Die erste Bedeutung widerspricht dem Wort Jesu Christi, daß wir nicht »von der Welt« sind, diametral.

In der zweiten Bedeutung sehe ich einen subtileren Bedeutungsverlust: Mein Dasein als Christ wird als die Existenz eines Engagierten reduziert. Das Sein, das sich in der Volkszugehörigkeit zum Volk Gottes ausdrückt, wird subtil durch das Tun ersetzt.

Käme es tatsächlich zur Einführung einer solchen Begrifflichkeit, dann lehnte ich es wohl ab, mit dem weniger wertvollen Begriff bezeichnet zu werden. Mehr denn je empfinde ich den Begriff Laie als Ehrentitel. Er führt mich in genialer Weise sowohl in den christliche Alltag, wie gleichzeitig auch in der Schar der Erretteten vor dem Thron des Lammes. Der »Weltchrist« läßt mich ratlos zurück: Bin ich IN der Welt oder VON der Welt?

Wir benötigen mehr Katechese, nicht weniger anstößige Begriffe.